Medizingeschichte, JRs verfallende Kunst und ein Verein gegen den Verfall: Warum sich die Hard Hat Tour durch das verlassene Krankenhaus von Ellis Island lohnt.
Die Freiheitsstatue sehen Millionen. Das Krankenhaus daneben fast niemand.
Ellis Island ist eine eigene Insel, gleich neben der Statue, nah genug, dass man sie aus den Fenstern sieht. Die Nordseite kennt jeder: das Einwanderungsmuseum, die große Halle. Die Südseite kennt kaum jemand. Dort steht ein Krankenhaus, seit 1954 leer, 29 Gebäude, nie restauriert, nur mit Führung zugänglich. Die Hard Hat Tour bringt dich rein. Drei Gründe, warum sie mehr ist als ein Foto fürs Profil.
Hier wurde Medizingeschichte geschrieben
Das Krankenhaus eröffnete 1902 und galt als eines der ersten öffentlichen Gesundheitskrankenhäuser der USA. Mit 750 Betten war es die größte Einrichtung des US Public Health Service. Rund 1,2 Millionen Einwanderer wurden hier behandelt, etwa jeder zehnte, der ankam.
Beeindruckend ist nicht ein einzelner Durchbruch, sondern wie gut die Leute ihr Handwerk beherrschten. Die Pavillon-Bauweise trennte Kranke, die Belüftung war durchdacht, und die Rate der im Haus erworbenen Infektionen lag bei unter einem Prozent. Für die Zeit ein Spitzenwert. Das Autopsie-Theater wurde ein angesehener Lehrsaal, zu dem Ärzte aus Bellevue und anderen Häusern zum Lernen kamen.
Das ist die eine Seite. Die andere: Hier wurde auch sortiert, wer überhaupt ins Land durfte. Man heilte die Menschen, um sie danach einzulassen oder abzuschieben. Es gab fragwürdige Intelligenztests und ein nach Herkunft getrenntes Gebäude. Der Guide erzählt beides, und genau das macht die Tour ehrlicher als jede Hochglanz-Ausstellung.
Die Gesichter von JR
2014 durfte der französische Künstler JR etwas, das vorher niemand durfte: in diesen Räumen arbeiten. Er suchte in den Archiven alte Aufnahmen von Patienten, Kindern, Ärzten und Pflegerinnen, zog sie auf Lebensgröße und klebte sie genau dorthin, wo diese Menschen vor hundert Jahren standen. „Ich lasse die Wände entscheiden, welcher Teil des Bildes erscheint“, sagt er. Das Projekt heißt „Unframed – Ellis Island“.
Das Besondere: JR schützt die Bilder nicht. Sie sind direkt auf den bröckelnden Putz gekleistert, ungeschützt, und zerfallen seit über zehn Jahren langsam mit dem Gebäude. Wer heute kommt, sieht andere Risse als ich. Wer in ein paar Jahren kommt, vielleicht schon weniger Gesicht. Eine Ausstellung, die langsam verschwinden darf, mitten in den Mauern, die sie erzählt.
Jeder Besuch hält den Verfall auf
Die Tour wird vom Verein Save Ellis Island betrieben, dem Partner des National Park Service. Nach einem Gerichtsurteil 1999 gegründet, kämpft er darum, die 29 Gebäude der Südseite zu retten. Hurrikan Sandy hat den Komplex 2012 schwer beschädigt, die Restaurierung wird hunderte Millionen kosten.
Die Erlöse der Touren fließen in genau diese Arbeit. Du zahlst also nicht nur für einen Rundgang, sondern dafür, dass der Ort überhaupt noch eine Weile steht. Mit jedem Ticket schiebst du den Verfall ein Stück weiter weg.













