
Nicht so einfach!
Und bei unserer Mutter?
Um es auf den Punkt zu bringen:
Mir wurde das klar, als ich so ein paar Stationen in ihrem Leben für das Gespräch mit dem Pfarrer zusammengeschrieben habe. Da standen schon echt ein paar Punkte drin, die es verdient hatten, dass man sie nochmal in Erinnerung ruft. Nicht irgendwer, sondern wir als Söhne.
Wie würdest du als Sohn das Leben deiner Mutter in Worte fassen?
Der Herz-Moment
Über 60 Gäste waren bei der Beisetzung dabei und bei dem Zusammensein danach, nochmal fast 50. Ich bin mir sicher, meine Mutter hätte zu viele gesagt. Ich finde aber genau richtig, für einen würdigen Abschied von jemandem, der echt was geleistet hat in seinem Leben.
Und hier noch meine Perspektive auf ihr Leben
Liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Trauergemeinde,
so viele Menschen sind heute hier. Ihretwegen. Ich fürchte, meiner Mutter wäre das ein bisschen zu viel gewesen. Sie stand nie gern im Mittelpunkt. Ich erinnere mich: An ihrem 60. Geburtstag ist sie lieber Skifahren gegangen, als sich feiern zu lassen. Ich hatte Telefondienst ...
In Momenten, wo einem die Worte fehlen, helfen oft Vergleiche zu etwas Bekanntem, die richtigen Worte zu finden. Bei mir ist das heute der Vergleich zur Fotografie.
Gute Fotografen stehen lieber hinter der Kamera und sorgen für ein gutes Bild, als selbst im Bild zu stehen. So war unsere Mutter auch. Als ich dieser Tage durch mein Archiv mit den Familienfotos gegangen bin, ist mir etwas aufgefallen: Von ihr habe ich fast keine. Lange hätte mich das gewundert. Heute verstehe ich es. Sie war nie das Motiv. Sie war lieber die, die es gestaltet hat.
Ein gutes Bild braucht mehr als eine Kamera. Es braucht das richtige Licht, den richtigen Moment und die Menschen, die reingehören. Genau das war ihre Rolle: dafür zu sorgen, dass die richtigen Menschen zusammenkamen. Sie war die in der Familie, die den Kontakt gehalten hat, über Städte, über Länder, über Kontinente. Freundschaften, die woanders längst eingeschlafen wären, hat sie am Leben gehalten.
Wer so viele Fäden in der Hand hält, muss klar sein. Und das war sie. Direkt, meinungsstark, kompromisslos, wenn es um das Ergebnis ging. Sie hat gesagt, was sie dachte. So ist es auch beim Fotografieren: Für ein gutes Porträt musst du klare Ansagen machen, sonst wird das nichts.
Nur für sich selbst hat sie zeitlebens viel zu viele Kompromisse gemacht. Andere waren ihr fast immer wichtiger als sie selbst.
Sie ist ihr Leben lang gereist, um die Perspektive zu wechseln. Ein gutes Bild entsteht nur, wenn man viele Perspektiven kennt. Wer immer vom selben Punkt aus schaut, macht immer dasselbe Bild. Und sie hat es auf die Art getan, die wirklich etwas ändert: über Menschen. Sie ist nicht zu Orten gereist, sie ist zu Menschen gereist. Zu einer Freundin nach Brasilien, zu einem Freund nach Hawaii, zu ihrer Jugendfreundin nach New York.
Dorthin hat sie uns 1980 mitgenommen. Die ganze Familie, quer über den Atlantik. Ich war zehn. Die Stadt hat mich nie wieder losgelassen. Bis heute fahre ich hin, so oft es geht. Zu oft, hätte sie gesagt. Aber ich glaube, insgeheim wäre sie am liebsten jedes Mal mitgekommen.
Das ist es, was ich ihr verdanke. Sie hat mir die Welt gezeigt, in der ich heute meine Bilder suche. Sie steht auf kaum einem davon. Aber ohne sie gäbe es keins.
Wer fotografiert, will die Kontrolle. Über den Ausschnitt, den Moment, das Bild. Niemand redet dir rein. Auch das war sie. Sie hatte ihr Leben in der Hand, und sie wollte es in der Hand behalten. Am Ende musste sie genau das hergeben. Ihre Unabhängigkeit, die Kontrolle.
Sie, die immer für andere zurückgesteckt hatte, war nun selbst auf Hilfe angewiesen.
Sie, die nie jemandem zur Last fallen wollte, musste annehmen.
Das fiel ihr vielleicht schwerer als alles andere.
Zum Schluss möchte ich Sie um etwas bitten. Wenn ich eine Videokonferenz leite, und es ist jemand in der Runde, der etwas Besonderes geleistet hat, dann fordere ich immer alle Teilnehmer auf, ein Herz zu schicken. Genau jetzt wäre der Moment dafür.
In der Videokonferenz gibt es dafür eine extra Funktion. Die gibt es hier jetzt nicht - aber wir können alle ein Herz von Hand schicken. Und zwar alle zusammen.
Danke!